Welche Asylwerber dürfen bleiben und welche sollen heim geschickt werden?

Ich bin kein Jurist. Das möchte ich voran stellen. Ich bin Psychologe und durfte in den letzten Monaten einige Flüchtlinge kennenlernen und unterstützen. Die meisten waren aus dem Iran, aus Afghanistan oder aus Paktistan. Manche aus Afrika oder aus Syrien.

Als Psychologe ziehe ich andere Schüsse als die Mitarbeiter des BFA (Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl), die in erster Instanz oder die Richter des BVWG (Bundesverwaltungsgericht), welche in zweiter Instanz über die Gewährung von Asyl zuständig sid. Ich sehe die Menschen. Nicht so sehr aus der rechtlichen Perspektive, sondern aus einer humanitären Perspektive, wobei ich natürlich nicht darum herum komme, auch die psychologische Sichtweise ein zu nehmen. Das ist auch meine Arbeit.

Und deshalb muss ich noch etwas mehr erzählen, bevor ich erkläre warum das System hinter dem Bleiberecht (wie auch immer das juristisch Verpackt wird, ob Asyl, Subsidiärer Schutz, Humanitäres Bleiberecht oder ähnlich) für nicht richtig und noch weniger sinnvoll erachte.

Welche Erfahrungen habe ich gemacht?

Ein halbes Jahr ist nicht viel und der Ausschnitt der Asylwerber (ja, tatsächlich nur männliche) den ich kennengelernt habe, ist ein kleiner. Und es sind UMF (Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge) als auch junge Erwachsene (18,19 Jahre alt). Dennoch lässt sich folgendes festhalten:

Alle kommen aus einem bestimmten Grund nach Österreich

Die derzeitige Gesetzeslage unterscheidet zwischen politischen und wirtschaftlichen Gründen, wobei politische Verfolung ein anerkannter Asylgrund sein kann, wirtschaftliche Gründe werden undifferenziert stehen gelassen und meist abgelehnt. Für mich ist es ein klarer Unterschied ob jemand zuhause verhungert, oder sich einfach bessere wirtschaftliche Chancen erarbeiten möchte.

Die Leute aus Afghanistan, die ich kennenlernen durfte, scheinen ausnahmslos der Gewalt zu entfliehen. Diese Gewalt haben sie entweder auf der Straße oder auch im familiären Umfeld erlebt. Dabei geht es selten nur um “von den Eltern geschlagen werden”, sonden um Mord. Diese Jugendlichen erhoffen sich, hier bleiben zu dürfen, weil sie um ihr Leben fürchten. Dennoch bekommen einige in erster und zweiter Instanz kein Asyl. Plan B der Asylwerber ist dann ein neuer Versuch, vielleicht in einem anderen EU-Staat, die Angst nach Afghanistan gehen zu müssen, ist der Angst vor dem Tod gleich zu setzen. Dazu kommt, dass einige Afghanen in Persien oder im Iran aufgewachsen sind und ihren Fuß noch nie nach Afgahnistan gesetzt haben. In den “Enscheidungen” des BFA steht dann z.B. sie könnten ja in Kabul leben, dort wären sie sicher. Die jungen Asylwerber glauben aber, dass sie dort weder einen Ausweis, noch Arbeit, noch sonst eine Unterstützung bekommen würden. Es gibt für Österreich wohl keine bessere Möglichkeit um den jungen Geflüchteten mit zu teilen, dass man sie nicht ernst nimmt.

Bei den afrikanischen Flüchtlingen scheint die Gewalt eine untergeordnette Rolle zu spielen. Jemanden, der in Afrika den Hungertot fürchten müsste, habe ich nicht kennengelernt. Es geht dabei eher darum, möglichst schnell an Geld zu kommen und dieses nach Afrika wieder mit zu nehmen. Oder aber, es ist einfach die Vorstellung, dass man in Europa alles bekommt was man braucht. Die Überzeugung ist so groß, dass die Betreuuer des Quartieres alle Hände voll zu tun zu haben, sich gegen die Forderungen der jungen Afrikaner zu stellen und immer wieder zu erklären, dass es eine Grenze gibt, was ihnen nach dem Gesetz zu steht und was nicht. Mühsame Arbeit.

Aber auch unter den Afrikanern gibt es welche, die wirklich hier Fuß fassen wollen, eine Ausbildung anstreben, sich integrieren und langfristig hier bleiben wollen.

Ausbildung, Arbeit

Was fast alle sich teilen ist der Wunsch, eine Ausbildung zu machen oder einer Arbeit nach zu gehen. Jeder nach seiner aktuellen Verfassung und Schul- oder Arbeitsfähigkeit. Die Traumatisierungen durch Krieg und Flucht setzt einigen zu, dazu kommt die Ungewissheit, ob sie in Österreich bleiben dürfen oder nicht.

Den Wunsch arbeiten zu wollen höre ich aber auch aus den Mündern derjenigen, die nachts schweißgebadet aufwachen und Bilder von verstümmelten Armen vor sich sehen. (Und dadurch die Kraft nicht aufbringen können, vormittags einem Unterricht zu folgen, sich zu bewerben, regelmäßig zu arbeiten, etc.)

Der Schritt in die Illegalität

Der Schritt, mit Canabis und anderen Drogen zu handeln, kommt meist nach dem negativen Asylbescheid der ersten Instanz. Aber auch nur bei einem kleinen Teil der Afghanen, die ich kennenlernen durfte. Meist aus der Verzweiflung heraus.

Jetzt habe ich mich so angestrengt, die österreichischen Regeln (Gesetze) zu lernen, habe versucht mich immer an alle zu halten und jetzt habe ich Negativ.

Und dann kommt der Versuch, der Angst abgeschoben zu werden wegen, obwohl Einspruch eingelegt wurde, noch etwas Geld zusammen zu bringen, um nicht mit leeren Händen zurück zu kommen oder häufiger: die Flucht fortsetzen zu können.

Aber nicht zu vergessen, das trifft nur auf einen kleinen Teil der Flüchtlinge zu. Andere halten durch, mit um die 200 € im Monat im 2-3 Bett Zimmer (mit Mitbewohnern die sie sich nicht wirklich haben aussuchen können), zu denen sie nur ganz selten die Chance haben, die maximal möglichen 110 € dazu zu verdienen. (Ich frage mich wirklich, wie lange junge Österreicher das aushalten würden.)

Der Illegalität entsagen

Der größere Teil ist weiterhin entschlossen, der Illegalität zu entsagen, sich an die Gesetze zu halten in der Hoffnung, dass es helfen könnte, dennoch irgenwann Asyl in Österreich zu bekommen. Dass das hilfreich wäre, konnte ich in der Gruppe der Asylsuchenden, die mir anvertraut wurden, nicht feststellen.

Die Motivation alles richtig zu machen scheint höher, je entschlossener jemand ist, in Österreich leben zu wollen. Honoriert wird das weder in der ersten noch in der zweiten Instanz.

Welche Schlüsse kann ich ziehen?

Die Idee, jenen Asyl zu gewähren, die einen guten Fluchtgrund haben, ist gut und richtig. Gleichzeitig wird das aber auch dazu führen, dass wir uns, Aufgrund dessen, wie wir die Leute behandeln, bis sie endlich nicht mehr Menschen zweiter Klasse sind (der Status des Asylsuchenden verwehrt den Zugang zum Arbeitsmarkt, es gibt weniger Geld als für z.B. Jugenliche die EU-Bürger sind, etc.) nicht verstehen, wie man sich tatsächlich als Österreicher verhält, wenn es lange Zeit gar nicht erlaubt ist, sich wie ein Österreicher zu benehmen (z.B. Erwerbstätig zu sein).

Ein guter Fluchtgrund kann Asyl bringen, es sollte aber nicht ausschließlich so sein.

Wichtiger ist mir folgende Überlegung:

Die jungen Flüchtlinge, die bereits da sind, sind unterschiedlich willig, sich zu integrieren, haben unterschiedliche Motive und unterschiedliches Potential.

Warum wollen wir nicht jenen, die nicht vor haben uns aus zu nutzen, sondern sich einfach hier ein gutes Leben aufbauen wollen, im Schweiße ihrer eigenen Arbeit, die vorhaben sich gut zu integrieren, eine Ausbildung machen wollen, lernwillig und motiviert sind, eine Chance geben? Warum geben wir denen nicht einfach, ohne den “Fluchtgrund” im Herkunftsland zu suchen, eine Möglichkeit eines Aufenthalts auf ein paar Jahre, damit sie die Integrationswilligkeit zeigen können?

Mir würden sofort ein paar Jugendliche einfallen, die genau in diese Gruppe fallen: Fluchtgrund nach dem Asylgesetz nicht ausreichend, dafür hohes Potential und sehr wahrscheinlich eine Bereicherung für Österreich.

Und trotzdem senden wir sie zurück. Da stimmt was nicht. Punkt.

Martin Kaffanke ist Klinischer und Gesundheitspsychologe, Unternehmer und kritischer Geist.